Reduzierte Verkürzung

Wofür sich Wissenschaft
nicht eignet

Im Verlauf der Pandemie des Jahres 2020 wurden wir täglich auf dem Laufenden gehalten über das Geschehen rund um den Globus, über Infektions- und Sterberaten, aber auch über so manche Verschwörungstheorien, die im Zusammenhang mit der Pandemie blühten und gediehen. Auf die Details dazu möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen; man kann sich darüber in den Medien informieren. Mir geht es um die logischen Verkürzungen, mit denen insbesondere Verschwörungstheoretiker und -praktiker gern operieren — und vermutlich auch operieren müssen.

Vor neun Monaten flog ein Storch übers Dorf. Gestern ist wieder ein Storch übers Dorf geflogen, und jetzt hat eine Frau dort ein Kind bekommen. Damit ist die Sache völlig klar, wir brauchen keine weiteren Beweise.

Bei diesem Beispiel handelt es sich zwar nicht um eine Verschwörungstheorie, sondern um einen märchenhaften Text, wie er kleinen Kindern bisweilen erzählt wird, denen man eine Erklärung für die Ursachen einer Schwangerschaft noch nicht anvertrauen oder zumuten möchte. Doch der Text enthält ein Element, das man bei Verschwörungstheorien regelmäßig vorfindet: Die logische Verkürzung, hier textlich aufs Notwendigste reduziert: Storch flog übers Dorf, Frau bekommt ein Kind, alles klar, keine weiteren Beweise nötig (oder erwünscht).

Einher geht die logische Verkürzung häufig mit dem Verwechseln oder Gleichsetzen von Koinzidenz und Kausalität, also dem zufälligen gleichzeitigen Eintreten zweier oder mehrerer Ereignisse einerseits (Koinzidenz) und dem Ursache-Wirkung-Prinzip (Kausalität) andererseits. Im Beispiel des Storches, der übers Dorf flog und der Frau, die ein Kind bekommt, treten zwei Ereignisse zufällig zeitgleich oder zeitnah ein, das eine ist jedoch nicht Ursache des anderen.

Für Verschwörungstheoretiker hat Wissenschaft einen Nachteil. Bei Verschwörungstheorien kommt, soweit ich es beobachtet habe, zur logischen Verkürzung ein weiteres unerlässliches Element hinzu:
Sie (die Wissenschaft) lässt keine Sündenbockprojektionen zu, sie eignet sich nicht als Sündenbock, denn Naturgesetze sind wie sie sind — und das ist (für Verschwörungstheoretiker) ganz schlimm!

Verschwörungstheorien benötigen Sündenböcke.
Wissenschaft taugt nicht als Sündenbock — Naturgesetze sind wie sie sind.
Verschwörungstheoretiker mögen keine Wissenschaft.

Zwar können Wissenschaften, z.B. die Psychologie, erklären, was eine Sündenbockprojektion ist und wie sie funktioniert, die Psychologie lässt sich deshalb jedoch nicht zum Sündenbock stempeln. Allenfalls der Wissenschaftler, in diesem Fall der Psychologe, kann zum Sündenbock auserkoren werden.

Nun könnte man einwenden, dass aber doch z.B. rund um den Klimawandel Verschwörungstheorien in beide Richtungen kursieren. Im Zusammenhang damit wurde mir in einer Diskussion geschrieben:

Dass der westliche Mensch den Rest der Welt ausbeutet und Ursache des Klimawandels ist, wäre dann also auch eine Verschwörungstheorie erster Güte, oder?!

Dass „der westliche Mensch“ Ursache des Klimawandels ist, mag eine Verschwörungstheorie sein oder auch nicht, jedoch ist „der westliche Mensch“ keine Wissenschaft, und auch der Klimawandel ist keine Wissenschaft, sondern ein natürliches Geschehen, das seit hunderten Millionen Jahren währt und sich in einem Hin-und-Her von Kaltzeiten / Eiszeiten und Warmzeiten äußert. Allenfalls mögen wir Menschen mit unseren Aktivitäten zur derzeitigen (beschleunigten) Klimaänderung beitragen, doch hat es beschleunigte Klimaänderungen auch zu früheren Zeiten bereits mehrfach gegeben (siehe z.B. das Ende der letzten Eiszeit vor ca. 11.700 Jahren, oder das Kommen und Gehen der Wüste Sahara in Nordafrika), und ganz nebenbei tragen alle Lebewesen auf der Erde ständig zu Veränderungen der Umwelt bei. Genau das macht „Leben“ aus: Kommen und Gehen, Werden und Vergehen. Dabei sollten wir unsere eigene Lebensspanne nicht zum Maßstab erheben.

An anderer Stelle hieß es im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie (Zitat unverändert übernommen):

das es aus einem chinesischen Labor stammt….kann man denken, muss man aber nicht

Das kann man denken, ja. Doch damit, dass man denkt (respective glaubt), dass es (das Corona-Virus) aus einem chinesischen Labor stammt, wäre weder irgend etwas bewiesen, noch das Gegenteil davon. Man hätte jedoch einen möglichen Sündenbock — allerdings nicht die Wissenschaft, sondern das chinesische Labor bzw. die dort beschäftigten Wissenschaftler, ersatzweise die chinesische Regierung oder gar das gesamte chinesische Volk incl. aller nicht mit dem Virus infizierten oder daran erkrankten.

Abgesehen davon wäre es mindestens töricht, ein Virus in einem Labor zu generieren und es freizusetzen, ohne bereits ein Gegenmittel parat zu haben um sich selbst vor dem Virus schützen zu können.

Fazit:
Ohne wenigstens einen Sündenbock scheinen Verschwörungstheorien nicht auszukommen und nicht zu funktionieren. Die Wissenschaft eignet sich als Sündenbock jedoch in keinem Fall, sondern es müssen wohl Menschen, manchmal auch andere Lebewesen, in seltenen Fällen sogar leblose Gegenstände oder Ideologien dafür herhalten.

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Beitragsbild oben:
Collage aus
Asian_Openbill_8279.jpg (Author: Alnus)
Bralitz_von_Westen.jpg (Author: Eva K. / Eva K.)
beide: commons.wikimedia.org

Beitragsbild mitte:
Ausschnitt aus Dollarnote_siegel_hq.jpg (Benutzer: Verwüstung)
commons.wikimedia.org

Beitragsbild unten:
Der Sündenbock, Gemälde von William Holman Hunt, 1854
commons.wikimedia.org


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net


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