In der eigenen (Kleidungs)-Schublade

Meinungen, Wahrheiten, Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung

In einem Podcast, den Der Spiegel auf seiner Website bento — Das junge Magazin vom SPIEGEL am 1. Januar 2020 veröffentlicht hat, führen zwei junge Frauen[*] einen (gespielten) Meinungsaustausch über Kleidung im Allgemeinen und das islamische Kopftuch im Besonderen.

Die zuerst auftretende junge Frau beginnt mit einer Forderung an ihre Zuhörer:

Hört auf, andere nach ihren Klamotten zu beurteilen.

um nach wenigen Sätzen fortzufahren

„Kleider machen Leute“ ist einfach nicht mehr. Und wir sollten endlich aufhören, Leute danach zu beurteilen, was sie anziehen.

Die zweite junge Frau wirft ein, dass es Menschen gibt, die …

… sich bewusst auf eine bestimmte Art und Weise anziehen, um zu zeigen, wer sie sind

was von der ersten jungen Frau mit einem resoluten

Das stimmt!

bestätigt wird. Diese Feststellung ergänzt die erste junge Frau mit den Worten

Ich trage ja auch Kopftuch und freue mich, wenn ich eine andere Hijabi sehe und sie islamisch grüßen kann.

Diese Aussage ist mit der von ihr anfänglich erhobenen Forderung, Menschen nicht „nach ihren Klamotten“ zu beurteilen, aus meiner Sicht nicht in Einklang zu bringen — denn sie identifiziert ja „eine andere Hijabi“ an eben ihren „Klamotten“ als Muslimin und entscheidet (urteilt) daraufhin, sie zu grüßen. Sie bugsiert andere Menschen — und auch sich selbst — also allein aufgrund ihrer Kleidung in jene Schublade („Kleidungsschublade“), in die man Menschen gemäß eines Eingangswortes dieses Podcasts nicht stecken sollte.

Screenshot (eigenes Bild)

Würde sie aber diese Frau, der sie z.B. auf der Straße begegnet, auch dann „islamisch grüßen“ («as-Salamu aleikum» = «Friede sei mit dir/euch!»), wenn diese keinen Hijab, wenn sie kein islamisches Kopftuch tragen, wenn sie als Muslimin nicht zu erkennen wäre? Würde sie andere Frauen und sonstige andere Menschen überhaupt grüßen, ihnen Frieden wünschen («as-Salamu aleikum»), wenn sie sie nicht als Muslime identifizieren kann, oder ist ihre Freundlichkeit und Höflichkeit im Umgang mit anderen Menschen an deren — erkennbare — Religionszugehörigkeit geknüpft? Aus dem, was sie in dem Podcast sagt, geht dazu nichts hervor.

~ ~ ~

In einem Debattenbeitrag vom 14. Oktober 2019, den der Berliner Tagesspiegel auf seinem Portal CAUSA veröffentlicht hat (incl. 21 teils sehr kritischen, dennoch sachlichen Leserkommentaren), vertritt dieselbe junge Frau die Meinung (oder stellt die Behauptung auf), dass Spiritualität nur noch im Yoga-Raum geduldet würde, und beginnt ihren dortigen Text mit dem Satz „Ich bin Muslimin. Das spüre ich. Das sieht man mir an. Ich verstecke es nicht. Ich trage ein Kopftuch.“

Die Identifizierbarkeit als Muslimin scheint ihr sehr wichtig zu sein, jederzeit und überall, und es kann der Eindruck entstehen, dass sie ihre Identität ganz darauf reduziert.

Den Eingangssatz ihres Debattenbeitrags möchte ich — nicht ohne Humor und doch ernst gemeint — kontern und ihre Worte dabei ein wenig imitieren mit

Ich bin Atheist, und ich stehe zu unserer Verfassung, dem Grundgesetz (vgl. den Beitrag «Ω» auf dieser Website), sowie zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das weiß ich. Ob man mir das aber auch ansieht? Ich stelle es nicht ständig und überall symbolisch zur Schau. Wozu auch? Ich muss mir dies nicht ständig und überall selbst beweisen.

~ ~ ~

Gegen Ende des o.a. Podcasts sagt die zuerst aufgetretene junge Frau:

Ich würde lieber den Menschen kennenlernen statt seine Verkleidung.

um wenige Sätze später die Frage nachzuschieben

Bist du beim Date noch du selbst, wenn du eigentlich immer mit Hoodie[**] rumläufst?

Diese Frage mag berechtigt sein. So wie aber dann auch die Frage die gleiche Berechtigung hat, ob die junge Frau sie selbst ist, wenn sie „eigentlich immer“ mit (islamischem) Kopftuch rumläuft. Wozu diese Verkleidung? Siehe ihre eigene Bemerkung zu jemandem, der „immer mit Hoodie“ rumläuft …

_____
Den vollständigen Podcast können Sie hier anhören.
Den Podcast-Text zum Nachlesen gibt es hier.
[*] Den (gespielten) Meinungsaustausch auf bento führten Merve Kayikci und Inken Dworak.
[**] Ein Hoodie ist ein Kapuzenpullover.

Zur Personen-Nennung in diesem Beitrag siehe die Grundannahme.

Beitragsbild (Ausschnitt): Zettelkatalog (Schlagwort) an der Universitätsbibliothek Graz (Dr. Marcus Gossler), GNU Free Documentation License.
Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7e/Schlagwortkatalog.jpg

+ + +

Ergänzend vier kurze Zitate aus einem 15 Punkte umfassenden Text der Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES zum Thema:

(1)

3. Kann man die Vollverschleierung verbieten, wenn sie freiwillig getragen wird?

[…] Bereits 1989 schrieb der algerisch-französische Historiker Mohammed Harbi: „Was sich hinter den einschmeichlerischen Worten der Islamisten verbirgt, die vorgeben, der Schleier sei Ausdruck des Respekts […] ist der Wille und die Absicht, [die Frau] in einem Zustand der Subordination zu halten […] vergessen wir nicht, dass die gleichen Leute, die hier im Namen der individuellen Freiheit dafür plädieren, dass Mädchen in der Schule den Schleier tragen können […] anderswo verlangen, dass alle muslimischen Frauen sich verschleiern und nicht davor zurückschrecken, diejenigen, die sich widersetzen, mit Terror und Gewalt zu verfolgen.“

(2)

9. Werden vollverschleierte Frauen durch ein Verbot von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen?

[…] Bereits in den Debatten um das Kopftuch fällt immer wieder das Argument, dass der Schleier den Frauen die Freiheit gebe, im öffentlichen Bereich aktiv sein zu können und Berufe auszuüben. Dieser Argumentation nun sogar im Falle der VV zu folgen, ist absolut inakzeptabel und stellt eine raffinierte Umdeutung dar: Die Verantwortung für die Domestizierung der Frau wird der Gesellschaft übertragen. Es sind nicht mehr die religiösen FundamentalistInnen, die „ihre“ Frauen aus der Öffentlichkeit ausschließen, sondern eine angeblich religions- bzw. islamfeindliche Gesellschaft.

(3)

11. Ist ein Verbot der Vollverschleierung Ausdruck von (neo-)kolonialistischer Bevormundung und „Zwangsverwestlichung“?

[…] Hinter dem Vorwurf der „(neo)kolonialistischen Bevormundung“ verbirgt sich die Haltung, dass Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften die Entwicklung der Idee einer aufgeklärten Gesellschaft abgesprochen wird, da man behauptet, dass diese nur durch massive „Fremdeinwirkung“ entstanden bzw. aufgezwungen worden sein kann.

(4)

11. Ist ein Verbot der Vollverschleierung Ausdruck von (neo-)kolonialistischer Bevormundung und „Zwangsverwestlichung“?

[…] Muslimische Männer wie der Ägypter Qasim Amin (gest. 1908) vertraten die Meinung, dass die Verschleierung von einer männlichen Angst vor eigener Triebhaftigkeit zeuge. Wer Frauen verschleiere, halte die Männer für Schwächlinge. Und der Schleier sei ein Hindernis für Fortschritt und Gleichberechtigung.

Unterbrochen wurde dieser Prozess der Entschleierung durch das Erstarken des zunächst vom Iran, dann von Saudi-Arabien ausgehenden islamischen Fundamentalismus. Dieser zeichnet mit dem Bild der Aufklärung als „Verwestlichung“ im Grunde ein Bild der Überfremdung durch „kulturfremdes“, „unislamisches“ Gedankengut – ein Bild, das sich nicht von den Theorien der extremen Rechten unterscheidet. Die unverschleierte (muslimische) Frau wurde zur „westlichen“ Frau stilisiert und zum Inbegriff der verhassten Moderne und einer propagierten westlichen Gegnerschaft zum Islam. Entsprechend wurden Schleier und VV zum Symbol des Islamismus.

~ ~ ~

Quelle:
Argumente von TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. zur Debatte um die Vollverschleierung (2018)


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net


Alle von mir für diese Website verfassten und auf dieser Website veröffentlichten Texte dürfen — möglichst mit Quellenangabe (in der Form «entnommen der Website Das Islam-Prinzip») — von jedermann in beliebigem Umfang verwendet und zitiert werden.


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