Sei so lieb …

Ein Gedankenspiel

Rom, Ostersonntag 2019, „urbi et orbi“ heißt es da wie jedes Jahr, „der Stadt und dem Erdkreis“. Doch an diesem Tag richtet sich diese Paronomasie des Monarchen der Vatikanstadt vielleicht insbesondere an eine bestimmte Adresse, die der Papst jedoch nicht namentlich nennt und auch nicht verurteilt. Am vorangegangenen Karfreitag hatte es in Sri Lanka ein Mehrfachattentat gegeben.
Tags darauf verurteilte der vatikanische „Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung“ die selbe Tat und twitterte von „barbarischer islamistischer Gewalt“ in Sri Lanka.

Ein Hintergrund für die so unterschiedliche Wortwahl kommt u.a. darin zum Ausdruck, dass für den Argentinier Jorge Mario Bergoglio [für Uneingeweihte: dies ist der bürgerliche Name des derzeitigen Papstes] (der) Islam, nicht anders als das Christentum, eine Religion des Friedens ist — und dass Bergoglio zur Selbstkritik fähig ist. So sagte er im Juli 2016 während einer Reise: „Wenn ich über islamische Gewalt spreche, dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen. In fast jeder Religion gibt es immer eine kleine Gruppe von Fundamentalisten – auch bei uns.“

Dass Bergoglio von «Fundamentalisten» spricht, erstaunt mich ein wenig, wirft es doch die Frage auf, auf welches Fundament, auf welche Grundlage also, diese sich jeweils stützen. Im April 2017 hatten Bergoglio und der Großscheich der Azhar-Universität in Kairo, Ahmed Mohammad Al Tayyeb, in Abu Dhabi gemeinsam ein Dokument unterzeichnet, das von „Geschwisterlichkeit unter den Menschen für den Weltfrieden und das Zusammenleben“ handelt und in dem u.a. von Barmherzigkeit und Brüderlichkeit die Rede ist und davon, dass „die Religionen niemals zum Krieg aufwiegeln und keine Gefühle des Hasses, der Feindseligkeit, des Extremismus wecken und auch nicht zur Gewalt oder zum Blutvergießen auffordern“. „Hass, Gewalt, Extremismus und blindem Fanatismus“ wünschen Bergoglio und Al Tayyeb in diesem Dokument ein Ende zu setzen.

Dass all diese Worte stellenweise ein wenig mit dem kollidieren, was in so manchem „heiligen“ Buch an Widersprüchlichem geschrieben steht, aber auch mit dem alltäglichen Geschehen nicht immer in Einklang zu bringen sind, wissen beide Parteien vermutlich, da sie einerseits die Texte ihrer „heiligen“ Bücher (hoffentlich) kennen, aber auch über die tägliche Nachrichtenlage informiert sein dürften.

Doch ein anderer Aspekt erscheint mir bedeutsam:
Beide, Bergoglio und Al Tayyeb, haben an ihre jeweiligen Adressaten im Grunde die einfachen Worte gerichtet „Seid so lieb …“ — und sie damit ein wenig unter Zugzwang gesetzt. Denn wer wollte nach so einer Aufforderung nicht „so lieb“, sondern bösartig sein? Ein Psychopath vielleicht, der sich damit selbst ins Abseits stellt.

Man kann (den) Islam zwar ausschließlich als Gewaltideologie zeichnen. Man kann jedoch auch eine gegenteilige Option oder einen Ausweg aus der Gewalt wenigstens aufzeigen. Ansonsten läuft man gefahr, den Despoten und Psychopathen — die es in der islamischen Welt genauso gibt wie anderswo — vielleicht sogar recht zu geben bzw. sich ungewollt mit ihnen zu solidarisieren nach der Devise: «Ihr könnt ja gar nicht anders, also macht weiter so.»
Man beruhigt oder befriedet ein aggressives Kind schließlich nicht, indem man es immerzu schlägt. Das ist bei Erwachsenen nicht anders, und lässt sich auch auf ganze Kulturkreise übertragen, die von einer patriarchalisch-rechtsreaktionären Ideologie und von Despotismus geprägt, deformiert oder „vergiftet“ sind. Es ist ein langer und weiter Weg hin zur Veränderung (oder Genesung).

Und mit seinen selbstkritischen Worten „… dann muss ich auch über christliche Gewalt sprechen“ — mit denen sich der Papst keinen Zacken aus der Krone gebrochen hat — hat er die geistlichen Autoritäten, Funktionäre und Vorbilder der islamischen Welt herausgefordert, ihre allgegenwärtige Selbstkritikphobie zu überwinden.

* * *

Inspiriert zu diesem Text wurde ich durch «Keine Verurteilung des Islams: Von Gott gewollte Vielfalt der Religionen?» auf der Website der FAZ vom 29.04.2019
Zur oben erwähnten Option oder einem Ausweg aus der Gewalt siehe den Beitrag Ω auf dieser Website:

Religionen geben den Menschen Orientierung, wird uns bisweilen gesagt.
Das tut unsere Verfassung, das Grundgesetz, auch – allerdings ohne Menschen zu bevormunden, sie einzuschüchtern oder sonstwie zu drangsalieren. Obendrein gewährleistet das GG Rechte und Freiheiten, die so manche Religionen nichtmal gewähren.

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Beitragsbild:
Wikipedia, Aggressionshemmung
commons.wikimedia.org/wiki/File:Macaca_fuscata_Iwatayama.jpg (Ausschnitt)
Autor: Leyo


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net


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