Das selbstherrliche Gott — oder: Vom Ende absoluter Macht

Brückenbauer
Heißt es nicht „der Gott“? Eigentlich ja. Aber warum? Sollte ich hier fürderhin und fairerweise nicht immer auch „die Göttin“ nennen, was die Lesbarkeit des Textes nicht erleichtert? Also rede und schreibe ich künftig „das Gott“.

Zwar kann man bei diesem Gott keine Wechselwirkungen beobachten oder sonstwie feststellen, weshalb man das Gott von etwas, das nicht existiert, nicht unterscheiden kann und weshalb wir annehmen dürfen, dass es das Gott — außer als Idee in den Köpfen von Menschen — gar nicht gibt. Der Funktion Gottes als Machtinstrument tut dies jedoch keinen Abbruch.

In der Frühzeit der Kulturgeschichte der Menschheit, als viele Leute weder lesen noch schreiben konnten — oder als es noch gar keine Schriftzeichen gab — mag es noch angegangen sein, dass sich ein Ältester, ein Familienoberhaupt, ein Clanchef zum Zweck der „Gesetz“gebung eines selbstherrlichen Gottes bedient hat, um den Vorschriften und Rechtssätzen, die er für die Gemeinschaft, für das Sozialwesen, verfügt hat, eine unangreifbare Autorität zur Seite zu stellen, die Rechtssätze zu untermauern und sie durchsetzen zu können.

Manchem selbstherrlichen Potentaten kam — und kommt — ein selbstherrliches Gott als Ebenbild auch in späteren Jahrhunderten und teils bis in die Gegenwart vermutlich nicht ungelegen. Für echte Monarchen (Alleinherrscher) ist es ein Glücksfall. Wikipedia schreibt dazu:

In Erbmonarchien wird der Herrschaftsanspruch des Staatsoberhauptes in der Regel auf eine göttliche Bestimmung zurückgeführt (sakrale Elemente).

In demokratischen Rechtsstaaten werden Gesetze nicht durch göttlichen Ratschluss selbstherrlich verfügt, die Regierungen und Parlamente führen ihren Herrschaftsanspruch nicht auf eine göttliche Bestimmung zurück, sondern werden in freien und geheimen Wahlen von den Bürgern ihrer Länder zu deren Stellvertretern gewählt, Macht wird ihnen von den Bürgern übertragen — und gegebenenfalls in eben solchen Wahlen auch wieder genommen. Darüber hinaus gilt der Grundsatz der Gewaltenteilung, der sicherstellt, dass nicht eine Instanz über absolute Macht verfügt.

* * *

Zu Beginn des Jahres 2019 gab es beinahe täglich eine Vielzahl von Berichten über sexuellen „Missbrauch“, begangen durch „Geistliche“. Das Wort „Missbrauch“ für diese Art Straftaten — die von den Opfern vermutlich als traumatisierende Verbrechen wahrgenommen werden — scheint mir eine Verharmlosung zu sein. Die katholische Kirche, regiert aus einer absoluten Wahlmonarchie im Stadtgebiet der italienischen Hauptstadt Rom, aus deren Reihen so manche der Täter stammen, tut sich mit der Aufarbeitung erkennbar schwer.

Umso erstaunlicher finde ich es, dass der Wiener Kardinal Christoph Schönborn dieser Tage Strukturreformen für den Verein, dem er angehört, fordert:

„Wir brauchen einen Reformschritt in Richtung Gewaltenteilung“, sagt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn im APA-Interview. Die Macht der Bischöfe und Pfarrer brauche mehr Kontrolle. Die Gewaltenteilung sei in der Kirche noch zu wenig entwickelt, darüber hinaus müsse die Rolle der Frau in der Kirche gestärkt werden …

Zwar mögen die Sexualmoral der Kirchen sowie der Zölibat ihren Beitrag zum Fehlverhalten Einzelner leisten. Wer Macht über das Sexualverhalten von Menschen hat, wer dieses kontrollieren kann, der hat ungebührlich viel Macht über diese Menschen, deren empfundene Machtlosigkeit — insbesondere vielleicht bei Männern — in Ersatzhandlungen münden kann. Wichtig anzumerken ist mir jedoch, dass es sexuellen „Missbrauch“ und andere Formen von Machtmissbrauch auch außerhalb von Religionsgemeinschaften gibt, ja selbst innerhalb von Familien.

* * *

In die ersten Wochen des Jahres 2019 fiel ein Besuch des Papstes Franziskus in die Vereinigten Arabischen Emirate — die erste Visite eines Papstes auf die Arabische Halbinsel. In dem Staatenbund der VAE wurde das Jahr 2019 zum Jahr der Toleranz erklärt. „Tolerieren“ bedeutet allerdings lediglich „dulden, gewähren lassen“ — man duldet etwas oder jemanden ggf. solange, bis man es sich anders überlegt hat. Ein gegenseitiges Akzeptieren ist damit also nicht gemeint. Wer und was konkret geduldet — „toleriert“ — werden soll, geht aus dem Begriff nicht hervor. Immerhin haben die VAE ein paar symbolische Zeichen der Duldung — der Toleranz — gesetzt, darunter gar ein Ministerium für Toleranz.

Will man es in den VAE künftig z.B. wenigstens dulden, wenn Bürger des Landes aus der Religionsgemeinschaft austreten, der sie per Geburt angehören? Das würde Religionsfreiheit bedeuten.
Wollen sich Glaubensgemeinschaften gegenseitig nur dulden? Da man doch angeblich an das eine, das gleiche Gott glaubt, scheint mir eine bloße Duldung recht wenig zu sein. Warum nur Duldung und nicht ein Zusammenschluss zum gemeinsamen Glauben — oder wenigstens eine Duldung der Mitgliedschaft in mehr als nur einer Religionsgemeinschaft? Man kann schließlich gleichzeitig Mitglied in z.B. einem philosophischen Debattierclub, in einem Taubenzüchterverein und in einem Angelverein sein. Das eine schließt das andere nicht aus.

Geht es möglicherweise gar nicht ums Glauben — sondern um ganz schnöde, weltliche Macht, gestützt auf ein selbstherrliches Gott als Ebenbild selbstherrlicher Potentaten?
Wieviel Macht wären sie wohl bereit abzugeben oder zu teilen?

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Beitragsbild:
Bauklotz, Wikimedia, User: An-d
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bauklotz_rot.jpg

Weiterführende Artikel:
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FAZ: „Die Sonne der Gerechtigkeit kommt nicht mehr durch“
NZZ: Papst Franziskus in Abu Dhabi: «Religionen sollen sich mehr gegen Krieg und Terror einsetzen»
Tagesspiegel: Das Ende des Zölibats scheint möglich
FAZ: Reden, schreiben, handeln
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Tagesspiegel: Schöner Schein im Reich des Scheichs
ZEIT: Empfang mit militärischen Ehren in Abu Dhabi
Spiegel: Der Scheich trügt
FAZ: Gemeinsam gegen Terrorismus und Extremismus
SZ: Jahrtausend-Konzil im Vatikan
Der Standard: Kardinal Schönborn für Gewaltenteilung in der katholischen Kirche
Spiegel: «Dem Monster ins Auge schauen»
NZZ: Die katholische Kirche findet nur aus ihrer existenziellen Krise, wenn sie ihre Sexualmoral reformiert
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Eckhardt Kiwitt
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