Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit und Fehlverhalten

Es ist in der Geschichte keine Seltenheit, dass Menschen allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung, manchmal auch wegen körperlicher Merkmale kritisiert, ausgegrenzt oder gar angegriffen werden. Dazu ist es gar nicht notwendig, dass sie ein Fehlverhalten an den Tag gelegt hätten — Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit oder Weltanschauung, oder auch körperliche Merkmale, können bereits als vermeintliches Fehlverhalten oder Makel und damit als Begründung für Kritik oder Ausgrenzung herhalten. Bis zur Sündenbockprojektion, manchmal auch zur Sippenhaftung, ist es von dort bisweilen nur ein kleiner Schritt. In Diktaturen, Despotien und Tyranneien werden derlei Feindbilder regelmäßig konstruiert, manchmal werden Angehörige eines Beschuldigten oder eines mutmaßlichen Täters ebenfalls in Haft genommen, obwohl sie sich nichts haben zuschulden kommen lassen (zu unterscheiden ist dies von der bloßen Zeugenbefragung oder einem polizeilichen Verhör).

Ein frühes Beispiel für Sippenhaftung findet sich im Dekalog, den Zehn Geboten des Alten Testaments, wo es — ungeachtet, was man in die Worte hineininterpretieren mag das dort gar nicht geschrieben steht — u.a. heißt

Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; …

In anderen „heiligen“ Büchern kann man Sätze lesen, die ebenfalls für Sippenhaftung ungeachtet persönlicher Schuld stehen:

Wahrlich, jene, die ungläubig sind unter dem Volk der Schrift und die Götzendiener werden im Feuer der Dschahannam sein; ewig werden sie darin bleiben; diese sind die schlechtesten der Geschöpfe. (Koran, Sure 98:6).

Andererseits kommt es vor, dass sich Menschen von sich aus allein wegen ihrer Herkunft, ihrer Abstammung oder ihrer Religionszugehörigkeit bzw. wegen ihrer Weltanschauung selbst ausgrenzen oder für sich eine Herausgehobenheit beanspruchen (was mit Arroganz einhergehen kann, aber nicht muss; ein Beispiel für Arroganz ist der Nationalismus, jene mit Verklärung (Stichwort „Stolz“) einhergehende Überhöhung der eigenen Nation über andere, obwohl kein Mensch dazu, dass er einem Staat oder einem Volk anghört in das er zufällig hineingeboren wurde, einen eigenen Beitrag geleistet hat):

Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet das, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Allah. (Koran, Sure 3:110)

Auf ein anderes Beispiel von Selbstausgrenzung bzw. Herausgehobenheit bin ich im Beitrag «„Göttlich“ — ungültig» eingegangen:

… von irgendeinem Gott für was auch immer „auserwählt“; den zugehörigen Gott hat jemand vor mehr als zweitausend Jahren erfunden, um sich und sein Volk anschließend als ein von diesem von ihm selbst erfundenen Gott auserwählt zu erklären.

Die Wikipedia schreibt dazu:

[…] Nach der Ankunft der aus Ägypten befreiten Israeliten am Berg Sinai beansprucht JHWH sie als sein erwähltes Bundesvolk, worauf sie Mose versprechen, alle Gebote Gottes zu erfüllen. […]

Solche Texte gelten heutzutage als historisiert. Sie wurden nicht von heute lebenden Menschen verfasst, weshalb man diese dafür nicht zur Rechenschaft ziehen oder ihnen dafür irgendeine Verantwortung geben kann.

Das Auserwähltsein kann positiv oder negativ gemeint sein oder gedeutet werden, es kann je nach Absicht des Erfinders als Selbsterhöhung / Selbstüberhöhung, aber auch als Selbsterniedrigung verstanden werden. In jedem Fall handelt es sich um eine Selbstdiskriminierung.

Für ein heutiges Beispiel der Selbstausgrenzung halte ich es, wenn jemand während der Berufsausübung die in unserer Verfassung garantierte Freiheit des Glaubens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sowie des Rechts der ungestörten Religionsausübung (GG Artikel 4, Sätze 1 und 2) dahingehend überdehnt, dass, entgegen z.B. einer Anzugsordnung / Dienstbekleidung während der Berufsausübung oder der in einigen Berufen gebotenen weltanschaulichen Neutralität (als Repräsentant des Staates), auf das Zurschaustellen der eigenen Religion mittels Kleidungsstücken nicht verzichtet werden will (siehe den Beitrag «Missverstandene Religionsfreiheit»).

Ein anderes Beispiel der Selbstausgrenzung ist die Institutionalisierung einer Opferrolle, wie wir sie in Deutschland u.a. bei manchen in Vereinen organisierten Vertriebenen erlebt haben, die bis in die 1990er Jahre hinein darauf beharrt haben, dass ihre einstige Heimat, aus der sie nach dem von Deutschland angezettelten und verlorenen Zweiten Weltkrieg fliehen mussten, ihnen gehöre. In einem in den 1990er Jahren in einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlichten Leserbrief wurde dies mit den Worten persifliert „Der Landesverband der Ostgoten erklärt: Die Ukraine bleibt unser!“
Ich halte jede Institutionalisierung einer Opferrolle für kontraproduktiv, weil man damit Ressentiments gegen sich hervorruft, über die man sich dann beklagt, was weitere Ressentiments hervorruft, über die man sich beklagt. Damit zieht man zwar eine stete Aufmerksamkeit auf sich, worin man einen vermeintlichen Vorteil für sich sehen kann, man verfestigt jedoch seine Opferrolle und schreibt diese fort. In einem Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit schreibt Heinrich Wefing u.a.

Für den demokratischen Diskurs aber ist die Opferrolle ebenso fatal wie die Rebellenpose von Linken und Rechten.

In einer leicht modifizierten Fassung des Rassismus-Begriffs des französisch-tunesischen Schriftstellers und Soziologen Albert Memmi heißt es:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.

Ein wenig anders formuliert, kann man zwischen positivem und negativem Rassismus unterscheiden, also der Zuschreibung bestimmter Eigenschaften aufgrund von Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit …, wenn diese Eigenschaften positiv oder negativ gedeutet werden. Beide Formen des Rassismus kann man in vielen Gesellschaften und politischen Lagern beobachten.

Die Nationalsozialisten des Dritten Reichs haben unschuldige Menschen einst allein aufgrund ihrer Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … in KZs eingesperrt und / oder ermordet. In anderen Diktaturen war und ist dies nicht wesentlich anders. Die historische Verantwortung für diese Verbrechen wird uns noch lange begleiten, auch wenn wir heute dafür keine persönliche Schuld mehr haben. Manche Verschwörungstheoretiker bezweifeln zwar, dass die deutschen Nationalsozialisten tatsächlich z.B. sechs Millionen Juden ermordet hätten. Doch selbst wenn sie nur einen einzigen Juden, einen Sinto, Roma, … wegen dessen Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit ermordet hätten, wäre dies nicht entschuldbar — denn Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit, … sind kein Fehlverhalten. Jemanden wegen Herkunft, Abstammung, Religionszugehörigkeit … auch nur auszugrenzen, ihn positiv oder negativ zu diskriminieren, ist nicht hinnehmbar.
Lediglich das Befolgen z.B. religiöser Vorschriften oder Gesetze kann in bestimmmten Fällen zu persönlichem Fehlverhalten führen, was man dann auch kritisieren darf. Ihn deshalb zu bestrafen, halte ich (in den meisten Fällen) für unangemessen. Sinnvoller finde ich es immer, ihm sein Fehlverhalten mit sachlichen, sachbezogenen Argumenten (z.B. Grundrechtekatalog unserer Verfassung, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) zu erläutern und ihm damit die Möglichkeit einzuräumen, das Fehlverhalten als solches zu erkennen. Einen Menschen deshalb zu ermorden oder ihn mit dem Tode zu „bestrafen“ kann jedoch nicht gerechtfertigt sein, zumal die Todesstrafe gar keine Strafe ist, sondern immer ein Racheakt.

Der erste Schritt hin zur Integration ist nach meiner Erfahrung, sich nicht selbst auszugrenzen.


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.