Von Offenbarungsanlässen und Hinzudichtungen

Zitiert man aus dem Koran, so wird, bei aller berechtigten oder unberechtigten Kritik am Islam bzw. an dessen grundlegender Schrift und an seinem Erfinder, während Diskussionen sowie in Zeitungsartikeln bisweilen darauf hingewiesen, dass der jeweilige historische Zusammenhang, aus dem heraus ein einzelner Koran-Vers erlassen oder „herabgesandt“ worden ist, beachtet und berücksichtigt werden müsse.

Sure 2:256 — Screenshot von quran.com

Das klingt zunächst plausibel, denn den Sinn eines einzelnen Satzes, egal aus welchem Text, erkennt man manchmal erst, wenn man ihn in einem größeren Zusammenhang betrachtet. Ihn aus dem Zusammenhang zu reißen, kann zu Missverständnissen führen.

So manche Koran-Verse sprechen m.E. zwar durchaus für sich bzw. haben von sich aus eine hinreichende Aussagekraft. Andere Koran-Verse, die ich für erklärungsbedürftig oder für fragwürdig halte, werden selbst von Muslimen häufig ohne jegliche Erläuterung des historischen Zusammenhangs zitiert, ja oft sogar unvollständig zitiert (prominente Beispiele hierfür sind Sure 5 Vers 32 ohne die Eingangsworte, sowie Sure 2 Vers 256, daraus jedoch nur der erste Satz).

Zu dem erwähnten Vers 256 aus der zweiten Sure, der mit den Worten beginnt „Es gibt keinen Zwang im Glauben“, bietet die Wikipedia mehrere Erläuterungen, aus denen ich hier zitiere und die zum Verständnis beitragen können:

  • Einer der ältesten Koranexegeten, Mudschāhid ibn Dschabr († 722), berichtet: „Zwischen den Banu an-Nadir und den Banu Aus gab es Milchgeschwisterschaft. Als der Prophet die Vertreibung (der Banu an-Nadir) befahl, sagten die Söhne der Aus: ‚Wir werden mit ihnen ziehen und uns ihrer Religion anschließen.‘ Ihre Familien jedoch hinderten sie daran und zwangen sie, den Islam anzunehmen (wa-akrahū-hum ʿalā l-islām). Über sie ist dann dieser Vers (Sure 2, Vers 256) offenbart worden.“
  • Zwei Söhne eines gewissen Abu l-Husain sollen nach ihren Kontakten mit syrischen Kaufleuten Christen geworden und nach Syrien ausgewandert sein. Ihr Vater bat Mohammed, seine Söhne zurückholen zu lassen; darauf hin soll der Prophet den Koranvers rezitiert haben. Hierzu bemerken die Exegeten, dass dies zu einem Zeitpunkt erfolgte, als die Bekämpfung der Schriftbesitzer – der Juden und Christen – (von Gott) noch nicht befohlen worden war.
  • In einer weiteren Episode wird nicht der Offenbarungsgrund, sondern der Vers an sich aktualisiert: Umar ibn al-Chattab soll eine alte Christin zum Islam aufgefordert haben, die jedoch mit Hinweis auf ihr hohes Alter den Übertritt verweigerte. Darauf hin habe Umar den Koranvers rezitiert.
  • Der Vers beziehe sich auf Kriegsgefangene, die weder Christen noch Juden, sondern Zoroastrier oder Götzendiener waren. Da sie als Heiden im Besitz eines Muslims nutzlos wären, könne man sie zur Religion desjenigen zwingen, der sie gefangen genommen hat. Minderjährige Kriegsgefangene hätten ohnehin keine Religion und könnten zum Islam gezwungen werden.
  • Muslimische Gelehrte sind den im Zuge des europäischen Kolonialismus in Europa verstärkt auftretenden Vorwürfen entgegengetreten, denen zufolge der Islam anderen Religionen gegenüber intolerant sei. Im Versuch, die Argumente der europäischen Islamkritik zu widerlegen, haben sie den Vers – konträr zu klassischen Interpretationen – als unbeschränkten Aufruf zur religiösen Toleranz interpretiert.

Im Unterpunkt „Erörterung in der Forschung“ dieses Wikipedia-Artikels heißt es u.a.:

Rudi Paret führt aus, dass den heidnischen Arabern nur die Wahl zwischen Bekehrung zum Islam und Tod blieb.

Ich finde es bemerkenswert, dass man sich — je nach Gesprächspartner oder nach dem, was die Argumentation gerade erfordert — aussuchen kann, welchem Offenbarungsanlass und welcher Interpretation man den Vorzug geben möchte. Sure 3 Vers 7 gilt vor diesem Hintergrund eine Beachtung:

Er ist es, Der dir das Buch herabgesandt hat. Darin sind eindeutig klare Verse – sie sind die Grundlage des Buches – und andere, die verschieden zu deuten sind. Doch diejenigen, in deren Herzen (Neigung zur) Abkehr ist, folgen dem, was darin verschieden zu deuten ist, um Zwietracht herbeizuführen und Deutelei zu suchen, (indem sie) nach ihrer abwegigen Deutung trachten. Aber niemand kennt ihre Deutung außer Allah. Diejenigen aber, die ein tiefbegründetes Wissen haben, sagen: “Wir glauben wahrlich daran. Alles ist von unserem Herrn.” Doch niemand bedenkt dies außer den Einsichtigen. [3:7]

Ob die Aussage aus diesem Vers «Aber niemand kennt ihre Deutung außer Allah.» auch auf diesen Vers (Sure 3:7) zutrifft, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.

Die Website Al Tafsir bietet zu einzelnen Koran-Versen Offenbarungsanlässe aus verschiedenen Quellen, sowohl in Arabisch als auch in Englisch, sofern diese bekannt sind. Zur Eröffnung des Korans, Sure 1 Vers 1 (chronologische Sure 48) heißt es auf dieser Website z.B.:

There is some scholarly disagreement concerning this Surah [i.e. concerning where it was revealed] …

Es besteht bei so manchem Koran-Vers also eine gewisse Unsicherheit, wann, wo und aus welchem Grund er „herabgesandt“ wurde. Den Islam als ganzes oder in Teilen richtig zu erfassen und zu deuten wird dadurch erschwert. Vielleicht ist es, um sich ein angemessenes Urteil zu bilden, deshalb einfacher, sich an den heutigen Gegebenheiten in jenen Ländern, Regionen und Sozialgefügen zu orientieren, in denen islamische Gesetze gelten.


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

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