«Den Islam» gibt es nicht ?

In Zeitungsartikeln, Leserkommentaren, während Diskussionen usw. lese und höre ich immer mal wieder die These, dass es „den Islam“ nicht gibt. Dies scheint vordergründig zu stimmen — denn es gibt selbstverständlich mehrere Lesarten der Schrift, auf denen „der Islam“ basiert, also des Korans, aber auch der Überlieferungen des Islam-Erfinders und Propheten Mohammed, und somit vermeintlich mehrere Islame. Und man kann in viele Koranverse manches hineininterpretieren das dort gar nicht geschrieben steht [1], nur um das, was man während des Lesens hineininterpretiert hat, im gleichen Moment aus diesen Versen vermeintlich herauszulesen (dies nenne ich Exegese und es läuft bei vielen anderen Texten nach dem gleichen Muster ab).

Auch ist es heutzutage nicht mehr durchgängig üblich, sämtliche islamischen Gesetze und Vorschriften wortgetreu zu beachten. In manchen Ländern werden etliche dieser Gesetze sehr großzügig ausgelegt, so z.B. das Alkoholverbot gemäß Sure 5 Vers 90 — oder schlicht ignoriert, wie z.B. das in Sure 24 Vers 2 vorgeschriebene Auspeitschen von Ehebrechern, das in Sure 5 Vers 38 vorgeschriebene Handabschneiden für Diebe, oder die in Sure 4 Vers 3 erlaubte Vielehe für Männer. Etwas, das mit der Europäischen Aufklärung [2] und dem daraus letztlich hervorgegangenen demokratischen Rechtsstaat samt Gewaltenteilung, der Rechtsgleichheit vor dem Gesetz und der Anerkennung von Minderheitenrechten sowie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verglichen werden könnte, beginnt sich auch in mehreren vom Islam geprägten Ländern abzuzeichnen oder sogar durchzusetzen. [3]

Es gibt allerdings nur einen Koran, wenngleich in Übersetzungen in allerlei Sprachen, die bisweilen mehr Interpretation denn bloße, einfache Übersetzung sind. Und basierend auf diesem einen Koran gibt es letztlich auch nur einen Islam, „den“ Islam — den Islam des Korans — ungeachtet, was man in einzelne Textteile (Verse) dieses Buches hineininterpretiert oder herauszulesen meint.

In Ländern, in denen islamische Gesetze gelten oder in denen Islam die Staatsreligion ist, kann man einen Eindruck von dem bekommen, was Islam bedeutet — es sei denn, man wollte annehmen, dass islamische Gesetze bzw. Islam als Staatsreligion nichts mit Islam zu tun hätten.

_____

[1]: Zwei Beispiele dazu von der Website Meine Islam-Reform (erstellt vermutlich von einem Aussteiger der Ahmadiyya)
— als PDF (Sure 4:34, Sure 5:33)
— als JPEG (Sure 4:34, Sure 5:33).

[2]: In einem Debattenbeitrag für den Spiegel (veröffentlicht in der Printausgabe sowie kostenpflichtig hier) schreibt Francis Fukuyama u.a.:

Vor rund 20 Jahren schlug Bassam Tibi, ein deutscher Professor syrischer Herkunft, vor, eine Leitkultur zur Basis für eine neue […] ldentität zu machen. Er definierte Leitkultur als Glauben an Gleichheit und demokratische Werte, die fest in den liberalen ldeen der Aufklärung verwurzelt seien. Tibis Vorschläge wurden allerdings scharf von links kritisiert, weil er diese Werte als überlegen gegenüber anderen kulturellen Konzepten darstellen würde. Dadurch kam die deutsche Linke unabsichtlich lslamisten und Rechtsextremisten entgegen, die wenig von den ldealen der Aufklärung halten. Doch Deutschland und andere bedeutende europäische Länder benötigen dringend so etwas wie Tibis Leitkultur: einen Normenwandel, der Deutschen türkischer Abstammung erlauben würde, sich als Deutsche zu bezeichnen, ebenso wie Schweden afrikanischer Herkunft, sich Schweden zu nennen, und so weiter. Dieser Prozess bahnt sich an, wenn auch nur schleppend.

Quelle: DER SPIEGEL Nr. 42 / 2018, „Gegen Identitätspolitik“ von Francis Fukuyama, Seite 118-125

[3]: ZEIT-Video Afghanistan: »Meine Tochter kann heiraten, wen sie will«
Der Dorfbewohner Sayed Aznar hält einige Konventionen Afghanistans für veraltet. Seine Tochter erzieht der Analphabet liberal.
Von Veronika Eschbacher

Die alten Bräuche waren doch schlecht.
Sie waren mit Zwang verbunden und menschenfeindlich.

Bild oben:
Screenshot Sure 9 Vers 111 von der Website quran.com


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

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