Begriffsverwirrung: Diskriminierung, Islamfeindlichkeit, Rassismus

Big Ben, London

Die Vermengung von persönlichem Verhalten mit Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit kann man in Diskussionen und Debatten hier und da beobachten. Wenn sich z.B. ein Prominenter mit einem anderen Prominenten zum Fototermin trifft, kann dies in der Folge zu einigem Durcheinander in der Wahrnehmung, der Berichterstattung, der öffentlichen Kommentierung und der Beurteilung führen. Die Namen der Personen [1] des aufgeführten Schauspiels, um das es hier jetzt geht, halte ich für nebensächlich, da es mit anderen Beteiligten und in anderem Zusammenhang ganz ähnlich hätte ablaufen können.

Im Mai 2018 traf sich ein aus Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen stammender Berufssportler mit dem Staatspräsidenten eines Nato-Landes (der u.a. dafür bekannt ist, die Demokratie für einen Zug zu halten auf den man aufsteigt bis man am Ziel ist) zu einem Photoshooting in London. Den Berufssportler und den Staatspräsidenten verbinden allenfalls Ethnie und Religion.

Sich auf den Fototermin eingelassen zu haben mag auf politische Unerfahrenheit des Berufssportlers zurückzuführen sein, darauf, dass er die möglichen Folgen fehleingeschätzt hat. Einige Reaktionen und öffentliche Äußerungen Dritter waren darauf zurückzuführen, dass sich der Berufssportler im Nachhinein zu dem Fototermin nicht oder nur unzureichend äußern wollte.

Aufgrund von Reaktionen und Kommentierungen zu dem Fototermin konnte der Eindruck entstehen, dass dem Berufssportler seine Herkunft, seine Abstammung sowie seine Religionszugehörigkeit als persönliches Fehlverhalten angelastet wurden, und er fühlte sich dadurch „rassistisch“ angegriffen.

Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit sind zwar kein persönliches Fehlverhalten — über Herkunft und Abstammung kann niemand für sich selbst entscheiden, — und die Religionszugehörigkeit zu ändern oder sie ganz abzulegen ist für manch einen eine folgenschwere Entscheidung, die mit Diskriminierung (Abscheiden, Ausgrenzen), Mobbing oder Schlimmerem einhergehen kann.
Das Befolgen bestimmter religiöser Vorschriften kann hingegen selbstverständlich zu persönlichem Fehlverhalten führen.

Zum Rassimusvorwurf, den der Berufssportler erhoben hatte, nur wenige Worte:

Rassisten sortieren Menschen nach Herkunft und Abstammung, zuweilen auch nach Religionszugehörigkeit.
Die einen tun es aus Feindschaft den Menschen gegenüber und sehen in Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit ein persönliches Fehlverhalten.
Andere tun es, um Menschen zu bevormunden oder politisch zu instrumentalisieren.

In einer Kolumne äußert sich ein bekannter Herausgeber [2] einer weniger bekannten Wochenzeitschrift zu dem Fall des Berufssportlers, um den es hier geht, und schreibt u.a.:

Nun sind Muslime keine „Rasse“, und der Islam auch nicht. Dennoch trifft der Begriff Rassismus. Denn auch der Rassismus geht mit der Zeit. Biologistische Argumente sind ein alter Hut aus vergangenen Jahrhunderten. Heute geht es um Kultur. Religionszugehörigkeit wird ethnisiert. Und Ressentiment tarnt sich als Religionskritik. Die „Islamkritik“ ist ein Lieblingssport der rechten Deutschen geworden …

Soweit hat er damit m.E. durchaus recht — auch wenn er die Tatsache ausblendet, dass jegliche (!) Islamkritik über Jahrzehnte hinweg als „Islamophobie“ diffamiert wurde und noch heute wird [*], auch jede Kritik an den problematischen Aspekten, die es im Islam genauso gibt wie in manch anderen Religionen und Gesellschaftssystemen und die überall sonst kritisiert werden dürfen ohne dass dies als „Phobie“ bezeichnet oder mit „Rassismus“ in Zusammenhang gebracht wird.
Also Menschenrechtsverletzungen, Rechtsungleichheit von Mann und Frau, drakonische Körperstrafen, Einschüchterung als Machtinstrument, fehlende Religionsfreiheit, Bevormundung, Despotismus, Machtmissbrauch, Todesstrafe

Dass mit der Diffamierung jeglicher Islamkritik den Rassisten von „rechts“ zugearbeitet wird, die ihre Abneigung gegenüber Menschen mit teils sachlicher, teils jedoch unsachlicher Kritik vermengen und dabei Menschen für etwas verantwortlich machen, das diese nicht getan haben (Sündenbockprojektion), erkennt der Autor der Kolumne vermutlich nicht (siehe hierzu den Beitrag Trefflich sowie das Buch «Brief an die Heuchler – und wie sie den Rassisten in die Hände spielen» von CHARB.). Ob er für die o.g. problematischen Aspekte des Islams Sympathien hegt, möchte ich nicht beurteilen.

Auch übersieht er, dass manche Rassisten dazu neigen, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit zu bevormunden oder politisch zu instrumentalisieren — was als „positiver Rassismus“ gelten kann.
Zum positiven Rassismus zähle ich insbesondere jedoch auch, Menschen (Individuen oder eine Gruppe) allein aufgrund ihrer Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit bestimmte Eigenschaften pauschal zuzuschreiben, die positiv gewertet werden.

Der Autor macht in seiner Kolumne einen Vorschlag, der einer gewissen Originalität nicht entbehrt:

… die Kritik einer ganzen Religion sollte man lieber den Theologen überlassen.

Das ist gerade so, als wollte man Kritik an Diktatur und Despotismus den Diktatoren und Despoten überlassen — oder als wollte man Kritik an Zensur, jener staatlichen Behinderung öffentlicher Meinungsäußerungen, denjenigen überlassen, die ab und an von „Lügenpresse“ / „Lückenpresse“ reden, einem Begriff, der bereits bei den Nationalsozialisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gebräuchlich war, aber auch z.B. in der DDR verwendet wurde und der zum Ausdruck bringt, dass man womöglich nur das in den Medien veröffentlicht wissen will, was man selber für „die Wahrheit“ hält.

Ein paar Worte zur Diskriminierung
(siehe auch „Missverstandene Religionsfreiheit“):

Diskriminierung ist kein Rassismus. Insbesondere fällt auch die Selbstdiskriminierung darunter, was oft übersehen wird.
Wer z.B. meint, einen Beruf nicht ausüben zu können weil während der Berufsausübung ein bestimmter Dresscode gilt, eine Anzugsordnung, die das Tragen bestimmter Kleidungsstücke oder das Zeigen religiöser oder sonstiger weltanschaulicher Symbole nicht zulässt, fühlt sich deswegen diskriminiert. Tatsächlich diskriminiert sich so jemand ausschließlich selbst — und sollte nicht erwarten, dass ein demokratischer Rechtsstaat seine Gesetze und Verordnungen an die tatsächlichen oder vermeintlichen Vorschriften irgendwelcher religiöser oder weltanschaulicher Bekenntnisse oder Vereine anpasst.
Etwas zu glauben oder sich zu etwas zu bekennen funktioniert auch ohne Symbole.

Zur Selbstdiskriminierung gehört m.E. auch, für sich eine Herausgehobenheit aufgrund von Herkunft, Abstammung oder Religionszugehörigkeit zu beanspruchen — oder eine Opferrolle zu institutionalisieren, auch ohne von Verfolgung, Unterdrückung oder Diskriminierung persönlich betroffen zu sein.
Mit dem Anspruch auf Herausgehobenheit löst man möglicherweise erst jene negativen Reaktionen aus, über die man sich anschließend beklagt.

* * *

Um den letzten Absatz nicht falsch zu interpretieren, ein paar persönliche Worte:
Meine Eltern waren Vertriebene, wurden wegen der Verbrechen der Nazi-Diktatur als junge Jugendliche aus ihrem früheren Wohnort verjagt. Sie gehörten jedoch keinem Vertriebenenverband an. Verwandte waren während der Gröfaz-Tyrannei (Hitler-Diktatur) fast zwölf Jahre lang in einem KZ der Nazis unschuldig eingesperrt. Sie haben diese Opferrollen jedoch nicht institutionalisiert.
Da ich weder vertrieben wurde noch in einem KZ eingesperrt war, habe ich keine Veranlassung, eine entsprechende Opferrolle zu beanspruchen.

* * *

«Für den demokratischen Diskurs aber ist die Opferrolle ebenso fatal wie die Rebellenpose von Linken und Rechten.»

Quelle: Haltet den Rand!
von Heinrich Wefing, DIE ZEIT.

_____
Bildnachweis:
London_Montage_2016.png, Wikimedia (Ausschnitt)
Foto: AlexTref871

[1]: Ein Berufssportler; ein Staatspräsident; der Fototermin.

[2]: Jakob Augstein – Mimimi Muslime?; SPON, 30. Juli 2018

[*] Warum die Linke muslimische Islamkritiker lieber ausgrenzt
von Kacem El Ghazzali, NZZ im Dezember 2017

[*] Auch Islam-Kritik muss möglich sein
von Béatrice Acklin Zimmermann, NZZ im August 2018

Ergänzend:
«Muslimische Männer müssen erwachsen werden»
Gefangen zwischen archaischen Stereotypen und moralischer Bigotterie? Die Publizistin Sineb El Masrar hat sich mit „dem muslimischen Mann“ auseinandergesetzt. Aber gibt es den so pauschal überhaupt?
Ein Interview von Anne Backhaus mit Sineb El Masrar


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

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