Zinsverbot und Täuschung

___ Von der Schwierigkeit des Hinterfragens ___

Täuschung — sich täuschen und getäuscht werden — ist nichts Ungewöhnliches. Sie gehört in vielen Bereichen der Natur wie des Zusammenlebens von uns Menschen zum Alltag. Manche Tiere, Pflanzen und Pilze täuschen über ihre wahre Natur bzw. ihre tatsächlichen Eigenschaften (Stichwort u.a. Mimikry), weil sich dies im Laufe der Evolution als für sie bzw. für ihre Art vorteilhaft erwiesen hat. Menschen und andere höhere Tiere täuschen bisweilen bewusst und mit Überlegung, weil sie sich davon in bestimmten Situationen einen Vorteil erhoffen.

Täuschung: Wespenschwebfliege | Wikipedia

Zinsen als Gegenleistung für vorübergehend überlassenes Kapital zu verlangen — und zu bezahlen –, ist seit Jahrtausenden eine gängige geschäftliche Praxis; heute kann man es eine Win-Win-Situation nennen: Der Kapitalgeber erhält einen Zins, der Kapitalnehmer kann mit dem geliehenen Kapital wirtschaften und Gewinne erzielen, von denen er einen Teil an den Kapitalgeber abgibt.

Jemand, der z.B. von Almosen, Spenden oder sonstigen geldwerten Gaben seinen Lebensunterhalt bestreitet, kann sich über diese Praxis wohlfeil ereifern und sie verurteilen; er braucht (im Extremfall) schließlich selber nicht zu wirtschaften, sondern nur die Hand aufzuhalten (womit ich Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind, nicht verurteilen möchte !). Ein Zinsverbot auszusprechen, ist in einer solch komfortablen Situation nicht schwierig.

Über das Zinsverbot schreibt die Wikipedia u.a.:

Zinsverbot bezeichnet das im Alten Testament der Bibel und im Koran ausgesprochene Verbot, Zinsen zu verlangen. Dieses Verbot galt über lange Zeit auch im Christentum, wurde später jedoch abgeschwächt bzw. ganz aufgehoben. Ganz aufgehoben wurde das Zinsverbot in der Baha’i-Religion, wobei das Prinzip der Gerechtigkeit und des rechten Maßes Bedingung dafür ist.

Leipzig, 1948 | Bild: Deutsche Fotothek‎; Wikipedia

Ein Zinsverbot kann selbstverständlich eine gewisse Berechtigung haben, insbesondere, wenn Zinsen zu Wucherzinsen werden, oder wenn z.B. der Zinseszins die Leistungsfähigkeit des Kapitalnehmers übersteigt. Dazu merkt Wikipedia an:

Die Erfahrungen mit dem Zins fielen jedoch nicht immer positiv aus, denn sein exponentielles Wachstum – insbesondere beim Zinseszins – konnte die Schuldner ausbeuten und in den Ruin treiben.

Dann kehrt sich die oben erwähnte Win-Win-Situation ins Gegenteil.

Heutzutage ist es nicht mehr verpönt, Zinsen für überlassenes Kapital zu verlangen; Banken bestreiten damit einen Teil ihrer Existenz.

Screenshot

In einem Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit vom 21. Mai 2018, Eine Bank nach den Regeln des Islam, schreibt Nils Wischmeyer bereits im ersten Absatz:

Auf der Website aber macht bereits das fünfte Wort stutzig: zinsfrei.

… und ein paar Absätze weiter:

Um ohne Zinsen Gewinne zu machen, gehen die Banken sogenannte Beteiligungsgesellschaften ein. Ein Beispiel: Will ein Kunde ein Haus kaufen, erwerben die Bank und der Kunde es zusammen. Das Geldhaus packt dann einen Finanzierungsaufschlag drauf und der Kunde beginnt, Stück für Stück die Beteiligungen von der Bank zurückzukaufen, bis ihm das Haus am Ende gehört.

Dass der von ihm erwähnte bzw. so bezeichnete „Finanzierungsaufschlag“ nichts anderes als Zinsen sind, für die lediglich ein anderes Wort verwendet wird, schreibt er nicht.

Das Werben mit dem Begriff „zinsfrei“ kann man evtl. als Täuschung bezeichnen, denn die Bank verlangt für geliehenes Geld selbstverständlich Zinsen, auch wenn sie diese anders deklariert.

Zum Begriff „Täuschung“ erklärt die Wikipedia:

Durch Täuschung wird eine Fehlvorstellung (Irrtum) durch nicht der Wahrheit oder Wirklichkeit entsprechende Umstände oder Sinneswahrnehmungen hervorgerufen, die zu einer falschen Auffassung eines Sachverhalts führen. Dabei ist es gleichgültig, ob die Täuschung bewusst durch einen anderen herbeigeführt wird (jemand wird getäuscht) oder nicht (jemand täuscht sich). Im ersten Fall spricht man auch von Irreführung.

… und fährt im Absatz „Täuschung im Recht“ fort:

Die Täuschung ist im deutschen Recht […] ein vom Täter eingesetztes, unwertiges Mittel zur Willensbeeinflussung des Opfers. Eine Täuschungshandlung ist jedes Verhalten, das darauf abzielt, bei einem anderen eine unrichtige Vorstellung hervorzurufen, sie zu bestärken oder aufrechtzuerhalten […]. Die Täuschung muss kausal beim Opfer einen Irrtum auslösen.

Nun möchte ich der Bank, um die es hier geht und von deren Website ich einen Screenshot erstellt habe (siehe den Ausschnitt oben) nicht unterstellen, dass sie ihre (potenziellen) Kunden täuschen möchte. Es ist im islamischen Recht durchaus üblich, das Zinsverbot mit einigen Kniffs zu umgehen. Die Wikipedia schreibt im Beitrag Zinsverbot im Unterpunkt „Islam“ u.a.:

Im Islam gibt es eine Vielzahl von Rechtskniffen (Hiyal; arabisch حيلة / hīla; pl. حيل / hiyal), um die Schari’a-Bestimmungen zu umgehen. Umgehungen dieser Art finden sich in der islamischen Rechtspraxis häufig; sie sind eines der Mittel, die finanziellen Aktivitäten scheinbar schari’a-konform zu gestalten.

Auf der Website Finanz-Szene.de schreibt ein Autor (evtl. ein wenig ahnungslos tuend ?) im Beitrag „Exklusiv: Erstes Islam-Fintech unmittelbar vor Deutschland-Start“ u.a.:

In einer späteren Entwicklungsstufe sind dann aber auch Kreditangebote geplant (womit die Sache spannend wird, weil islamisches Banking ja auf dem Prinzip der Zinslosigkeit beruht).

Vielleicht muss man auch als Bankkunde einer islamischen Bank die oben erwähnten Rechtskniffe nur kennen und über ihre Hintergründe Bescheid wissen, um sich nicht […] zu fühlen.

Eine andere Möglichkeit könnte sein, das Zinsverbot im Islam mal kritisch zu hinterfragen …

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Bildquellen:
Wespenschwebfliege: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hoverfly_December_2007-5.jpg
Leipzig, 1948 (Ausschnitt): https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Fotothek_df_roe-neg_0000371_003_Polizeiplakat_im_Schaufenster_eines_Lampenladens.jpg
Rössing, Roger & Rössing, Renate / Deutsche Fotothek‎
Screenshot (Ausschnitt): von mir erstellt.


Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

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