Frust, Selbsthass, Terrorismus

Terror als Ausdruck von Hilflosigkeit

In den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren sind wir Zeugen geworden von Gewalttaten, die wir als Terrorismus bezeichnen. Als Urheber dieser Gewalttaten mussten wir häufig, wenngleich nicht immer, Menschen ausmachen, die in einem bestimmten Kreis verwurzelt scheinen, dort ihre Identität und ihre kulturelle Heimat sehen.

Es ist eine kulturelle Heimat, deren Fundament seit langer Zeit, seit Jahrhunderten, in jeder Hinsicht — in Bereichen der Künste, der Wissenschaften, der Religion, der Sozialgefüge bis in Familien hinein, und der Politik — in sich erstarrt ist und die Menschen in einem Korsett aus (religiösen oder religiös inspirierten) Dogmen gefangen hält.

Mit der inneren Erstarrung ist diese Welt, ist diese kulturelle Heimat jener Menschen gegenüber Teilen der Außenwelt so weit ins Hintertreffen geraten, dass der Rückstand aus innerer Kraft und inneren Möglichkeiten kaum aufholbar scheint.

Die Menschen in diesem Kreis mögen die eigene kulturelle Rückständigkeit und das Gefangensein in ihrer „Heimat“ spüren, vermögen jedoch nicht in jedem Fall, sich und anderen dies einzugestehen. Aus Scham, aus einem verletzbaren Selbstwertgefühl, aus einem schon ab der frühen Kindheit erlebten perfiden sozialen Druck, die eigene Identität um jeden Preis zu wahren und sich jeder Veränderung zu widersetzen — selbst dann, wenn sie als notwendig erkannt wurde …
Hinzukommen mag ein Überlegenheitsgefühl gegenüber der Außenwelt, das sich auf Glaube, auf Imaginäres stützt, aus dem eine Hoffnung erwächst, die jedoch unerfüllt bleibt.

Der Frust, der daraus resultiert, sich aus diesem Korsett, aus dieser Gefangenschaft nicht befreien zu können, mündet bei manchen in Resignation. Bei anderen entlädt er sich in Gewalttaten, die sich vermeintlich gegen andere Menschen richten, tatsächlich aber Ausbruchsversuche aus einem Gefängnis sind, das zerstört werden soll und bei denen der eigene Tod bereitwillig inkauf genommen wird.

Es sind nicht unübliche Ausbruchsversuche, die sich da in einer Gewalt entladen, die sich gegen andere und insbesondere gegen die Urheber der Gewalt selbst richtet: Lieber gemeinsam untergehen als weiter in diesem kulturellen Gefängnis leben. Lieber einen Sündenbock mitbestrafen, als sich eigenes Scheitern einzugestehen.

Ist diese Gewaltanwendung obendrein religiös legitimiert, fällt es manch einem umso leichter, zu diesem Mittel zu greifen.

Wer z.B. fest davon überzeugt ist, im Kampf für seine Religion, für seinen Gott, töten zu müssen und getötet zu werden weil ihm dann ein imaginärer Ort im Jenseits — ein Trugbild — versprochen ist, wird in der Verblendung umso leichter zu diesem Mittel greifen. Dass er andere damit nicht überzeugen kann, schon gar nicht von seiner vermeintlichen Überlegenheit oder der Überlegenheit seiner Religion, realisiert er vielleicht nicht. Oder er reagiert — als Nachahmungstäter — mit Trotz.

Dass sich andere von der Gewalttat nicht beeindrucken lassen, kann bei Menschen aus dem selben Kreis dazu führen, dass sie sich in einen Hass auf die Außenwelt sowie in das eigene Überlegenheitsgefühl umso tiefer hineinsteigern.

Dass es für das eigene Weiterexistieren an jenem imaginären Ort im Jenseits keine Beweise gibt, ist unerheblich.
Es geht darum, einen Schlusspunkt zu setzen.

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Ich möchte mit diesem Text den Terror und seine Urheber nicht legitimieren oder verharmlosen, sondern eine Lösungsmöglichkeit aufzeigen. Einerseits Menschen zu Selbstreflexion veranlassen, um das Korsett, die Gefangenschaft und den daraus resultierenden Frust zu überwinden, andererseits davon abzusehen, Menschen allein wegen ihrer Herkunft oder Sozialisation zu Sündenböcken abzustempeln.

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Begleitend zu diesem Beitrag:
Den Tod genießen
— Warum ziehen junge Muslime in den Dschihad? —
Ein Gespräch mit dem Psychoanalytiker Fethi Benslama über das Lieben, das Töten und den Islamismus als antipolitische Utopie.

Rilke, siebte Duineser Elegie:
„Jede dumpfe Umkehr der Welt hat solche Enterbte / denen das Frühere nicht und noch nicht das Nächste gehört“.

Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

Zur Vertiefung:
Samuel Schirmbeck
Der islamische Kreuzzug
und der ratlose Westen

— Warum wir
eine selbstbewusste
Islamkritik brauchen —

Orell Füssli, Zürich
ISBN 978-3-280-05636-3

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