Zirkelschluss

Ich möchte mit einer ganz kleinen und vielleicht ein wenig provokanten Geschichte beginnen:
(Es muss nicht immer Gott sein)

Ich schreibe ein Buch.

In das Buch schreibe ich hinein, dass alles, was in dem Buch geschrieben steht, das Wort von Göttin ist.

Heiliges-Buch_3d

«Göttin höchstselbst hat ein Fabelwesen beauftragt, diese Worte an mich zu überbringen, auf dass ich sie aufschreibe.» [*]

So behaupte ich es, und so schreibe ich es in das Buch hinein.

Dies nehme ich dann als Beweis dafür, dass alles, was in dem Buch geschrieben steht, das Wort von Göttin ist.

Und ich erkläre das Buch zu einem „heiligen“ Buch.

Zu guter Letzt lasse ich mir von ein paar Leuten aus meinem Bekanntenkreis bestätigen, dass es sich bei allem, was in dem Buch geschrieben steht, um das Wort von Göttin handelt und dass es deshalb ein heiliges Buch ist.

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[*] Ähnlichkeiten mit manch anderem „heiligen“ Buch sind kein Zufall.

* * *

Die Logik hinter dieser Vorgehensweise entspringt einem Zirkelschluss. Dabei wird der Beweis für die Existenz von etwas (hier „Göttin“) in der Behauptung der Existenz dieses Etwas gesehen bzw. ihm zuerkannt — was in sich logisch und schlüssig erscheinen mag, von außerhalb des Etwas / von außerhalb der Behauptung betrachtet einer Überprüfung jedoch nicht unbedingt standhält.

Siehe auch den Beitrag Nichtexistenz auf dieser Website.

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Anmerkung:

Gemäß der chronologisch ersten Sure des Korans (# 96 Al-’Alaq – Der Blutklumpen, Vers 1) hat der Gott des Islams, Allah, alles erschaffen (Read! In the Name of your Lord Who has created (all that exists).)* — also auch den Koran. Und gemäß diesem Koran-Vers sogar sich selbst. Denn der Koran geht davon aus, dass Allah existiert, bezeichnet ihn gar als Allmächtig, Allwissend, Allweise, als Herrn der Welten, …

Gemäß einer chronologisch recht späten Sure (# 2 Al-Baqarah – Die Kuh, Vers 2) gibt es daran keinen Zweifel (This is the Book (the Qur’ân), whereof there is no doubt, …).

Mit anderen Worten, behauptet und bestätigt der Koran in sich selbst / mit Bezug auf sich selbst, dass der Koran von Allah stammt und dass es daran keinen Zweifel gibt. Ein Zirkelschluss.

Beispiele:

Zirkulare, nonkausale Logik (Ursache und Wirkung sind eins)
1.: Im Koran steht geschrieben und ist nachzulesen, dass es Allah gibt (Herr der Welten, Allmächtig, …).
–> Allah gibt es, weil dies im Koran geschrieben steht [1] und man es dort nachlesen kann (impliziert, dass es Allah andernfalls nicht gibt).
2.: Man kann im Koran lesen, weil der Koran existiert.
–> Der Koran existiert, weil man im Koran lesen kann (impliziert, dass es den Koran andernfalls nicht gibt).

Lineare, kausale Logik (Ursache und Wirkung sind verschieden)
1.: Man kann im Koran lesen, weil der Koran existiert.
–> Der Koran existiert, weil er verfasst wurde.
2.: Im Koran steht geschrieben und ist nachzulesen, dass es Allah gibt (Herr der Welten, Allmächtig, …).
–> Die Existenz von Allah ist nicht beweisbar, weil etwas, das keine Wechselwirkungen zeigt, von etwas, das nicht existiert, nicht unterschieden werden kann.

Zirkelschluss-Skizze

In seinem Bild Wasserfall aus dem Jahr 1961 hat der niederländische Grafiker M. C. Escher den Zirkelschluss auf anschauliche Weise dargestellt.

Anmerkung:
In Gesprächen mit sehr religiösen Menschen habe ich mehrfach erlebt, dass diese nicht verstehen, warum ein Zirkelschluss unlogisch ist.

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* King Fahd Complex for the printing of the holy Qur’an
[1] Einer solchen oder ähnlichen „Argumentation“ kann man hier und da begegnen.

Zirkelschluss

Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

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Ein Kommentar zu „Zirkelschluss

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