Der kleine Erpressungsversuch *

Man hört es noch manchmal, dieses Satzpaar:

Wenn jemand einen Menschen tötet, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.

Das klingt moralisch sehr anspruchsvoll, und diejenigen, die diese Sätze zitieren, wissen zu sagen, dass es so im Koran geschrieben steht.
In diesem Buch gibt es das Kapitel „Der Tisch“ (Al-Ma’idah), ein allgemeiner Begriff, den man nicht leicht in irgendeinen Zusammenhang mit o.a. Zitat bringt.

Mohammed führt Hamza und die Muslime gegen Banu Qaynuqa’.
Mohammed führt Hamza und die Muslime gegen Banu Qaynuqa’.

Die ersten Absätze des Kapitels lesen sich wie ein Sammelsurium aus Verhaltensregeln zum alltäglichen Leben:
Reinheitsgebote, Essensvorschriften, Umgangsformen, Freiheitsrechte wie «Alle guten Dinge sind euch erlaubt» (Vers 4) und dergleichen mehr; aber auch einem kleinen Erpressungsversuch*, der zur Geldzahlung – zwecks Sündenvergebung und Paradiesversprechen – auffordert (Vers 12), was manch einem vielleicht gar zu plump erscheint, um sich darauf einzulassen, und dann dagegen rebelliert.

Insgesamt erwecken die Sätze den Eindruck einer letzten Rede oder Abschiedsrede an einen kleinen Kreis an einem Tisch sitzender enger Freunde oder Gefolgsleute von jemandem, der ahnt, dass es mit ihm zu Ende geht. Gegen Ende des Kapitels (Vers 112 ff) ist von diesem Möbelstück in einem anderen Zusammenhang die Rede.

Einige der Sätze könnten aus dem Alten Testament stammen [1], nehmen sie doch Bezug zu den „Kindern Israels“. So auch besagter Satz, der gern zitiert wird, um einen hohen moralischen Anspruch des Korans bzw. des Islams zu etablieren.

Tatsächlich beginnt o.a. Satz mit den Worten „Deshalb haben wir den Kindern Israels verordnet, dass …“, was beim Zitieren allerdings gern weggelassen wird. Denn diese Eingangsworte belegen, an wen [2] die Ermahnung gerichtet ist — und an wen nicht, wofür man heute lebende Menschen egal welcher Herkunft oder welcher Weltanschauung nicht verantwortlich machen kann, da sie den Text nicht verfasst haben.

Pikant liest sich der unmittelbar darauf folgende Vers, durch den das vorangegangene Gebot – allerdings nur scheinbar – aufgehoben wird, ist dort doch von Töten, von Kreuzigen sowie vom Abschlagen der Hände und Füße und von Vertreibung die Rede.

Danach geht es weiter mit dem oben bereits erwähnten, stellenweise in antijüdische Hetze ausartenden Sammelsurium, welches den Eindruck erwecken kann, den schon Voltaire bei der Lektüre des Korans hatte und in die Worte fasste, dass es sich um ein Buch handle, das „bei jeder Seite den gesunden Menschenverstand erbeben lässt“.

Abschließend die beiden vollständigen Verse aus dem Koran, Sure 5, die im Zusammenhang mit dem Erpessungsversuch aus Vers 12 (siehe oben) sowie einigen historischen Hintergründen in einem ganz anderen Licht erscheinen:

Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, daß, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne daß dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne daß ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und Unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach begingen viele von ihnen Ausschreitungen im Land. [5:32]

Der Lohn derer, die gegen Allah und Seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, daß sie getötet oder gekreuzigt werden oder daß ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder daß sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil. [5:33]

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[1] Quellenangabe: http://www.regina-berlinghof.de/faz77-Koran+Mischna.htm

In der mündlich überlieferten Bibelauslegung, die im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in der „Mischna“ schriftlich niedergelegt wurde, findet sich im Kapitel Sanhedrin folgende Stelle:

„Denn jeder, der eine Seele Israels tötet, der gelte nach der Schrift wie einer, der eine ganze Welt getötet hat. Und jeder, der das Leben einer Seele Israels rettet, der gelte nach der Schrift wie einer, der eine ganze Welt gerettet hat.“

Mit dem Gewicht dieser Sätze sollten Zeugen im Strafprozeß eindringlich zur Wahrheit angehalten werden.

[2] Artikel zum Verständnis historischer Zusammenhänge, die im Koran nicht aufgezeigt werden.

* Die große Erpressung im Islam ist die Androhung der Todesstrafe bei Apostasie — siehe Das Islam-Prinzip, Kapitel 3, 6. Todesstrafe bei Abfall vom Glauben (bei Apostasie), sowie das Stichwort „Ehrenmord“ in Marginalien & Zitate

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Als-hätte-er-die-ganze-Menschheit

Eckhardt Kiwitt
Pfalzgrafstr. 5
D-85356 FREISING
QS72@gmx.net

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